Kolumne: Alex´Corner

Alex´Corner ist die Formel-1 Kolumne unseres Experten Alex. Hier erfahrt Ihr immer die allerwichtigsten Neuigkeiten, geheime Trends, spekulative Vermutungen und alles, was der wirkliche F1-Fan begehrt. Da, wo sich der Laie wundert und der Fachmann staunt, da fängt Alex´Corner erst an..

In seinen wöchentlichen Telefonaten mit Bernie, Max und Co. dringt Alex in Sphären vor, die kein Kai Ebel zuvor gesehen hat...

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2005-03-02: Alex' Saisonvorschau 2005

Während ich hier in Kolumbien so nah am Äquator keine Jahreszeiten habe, sollen in Deutschland die Tage wieder länger werden und der Winter in den letzten, wenn auch sehr eisigen, Zügen liegen. Das ist traditionell die Zeit um Dirks Geburtstag und den Start der Formel 1 Weltmeisterschaft zu feiern.

Wie in so vielen Jahren zuvor moechte ich auch heuer wieder einen Ausblick wagen und wie in so vielen Jahren zuvor werde ich darin einige Teams nicht ganz richtig einschätzen sowie Ferrari schlechter reden, als sie sind. Aber das hat nunmal eine gewisse Tradition. Wer einen realistischeren Saisonausblick bevorzugt, sollte sich die Welt am Sonntag kaufen, die traditionell eine Woche vor dem ersten Rennen sehr gut informiert.


Unten angefangen haben wir mit Minardi wieder den Abonnenten für die letzte Startreihe. Auch Paul Stoddart wird es wieder versuchen, doch wie sein legendärer Vorgaenger Giancarlo Minardi wird auch er das Team nicht ins Mittelfeld führen. Zumindest die Fahrerpaarung ist einmal mehr besser als bei anderen Hinterbänklern und typisch fuer Minardi nicht ausschliesslich von finanziellen Interessen beeinflusst. Wer Christian Albers DTM-Karriere verfolgt hat, weiß dass er und auch sein Teamkollege Patrick Friesacher zwei Piloten sind, die durchaus Formel 1 Niveau haben. Trotzdem wird es mit dem Auto und dem ehemaligen Ford Motor nicht einfach, ein anderes Team hinter sich zu lassen. Zudem man in den ersten Rennen per Sondergenehmigung noch mit den 2004er Autos an den Start gehen muss, da es für die durch Reglementänderungen notwendigen Änderungen zeitlich und finanziell nicht hingehauen hat.

Wenn es gelingt, dann sind es wohl die wenig bekannten Narian Karthikeyan, der erst Inder in der Formel 1, sowie Tiago Monteiro, die die Schande über sich ergehen lassen müssen, von Minardi besiegt zu werden. Während Monteiro sich zumindest in der US-CART Serie bewiesen hat, weiss ich ueber Karthikeyan nichts zu berichten, was einen Start in der Formel 1 Weltmeisterschaft sportlich rechtfertigen könnte. Die beiden muessen sich mit den Resten des ehemaligen Teams von Eddie Jordan herumschlagen, der der Formel 1 fehlen wird, nachdem er den Rennstall an den russischen Geschäftsmann Schnayder verkaufen musste. Es bleibt abzuwarten, ob man sich dort von vornherein auf die Saison 2006 konzentrieren wird oder ob man schon 2005 den einzigen Lichtblick im Team, die Toyota Aggregate im Heck des Fahrzeugs, zu einem Angriff auf die ehemals vom Ford Konzern belieferten Teams bläßt, die Motorentechnisch doch schlechter gerüstet zu sein scheinen.

Da Toyota auch im letzten Jahr die hohen Erwartungen nicht erfüllen konnte, die nicht zuletzt die Japaner selbst an sich stellen, starten Ralf Schumacher und Jarno Trulli mit den Nummern 16 und 17. Endlich hat man in Köln auch bei der Wahl der Fahrer angedeutet, wo man hin will. Nachdem Olivier Panis seine Karriere dort beenden durfte und mit Christiano da Matta ein weiterer CART Star nach Michael Andretti und Alex Zanardi in der Formel 1 gescheitert ist, hat man nun mit Ryan Briscoe und Ricardo Zonta sowie dem unermüdlichen Panis ein besseres Gespann als Testfahrer, als andere Teams Stammpiloten. Und mit Ralf und Jarno Trulli ist nun die Zeit gekommen, dass Toyota endlich erfolgreich werden muss, wenn man sich weiter auf den steten Zufluss finanzieller Mittel aus Tokyo verlassen will. Wie auch in den Jahren zuvor scheint eigentlich Alles zu stimmen, um endlich den Durchbruch zu schaffen, doch wie in den Jahren zuvor sieht es bis zum derzeitigen Stand der Testfahrten nicht rosig aus. In der zweiten Saisonhälfte, dafür müssen die erfolgshungrigen Stammpiloten sorgen, werden WM Punkte regelmäßig werden und auch ein Podest könnte mit etwas Glueck herausspringen.

Ford hat das, was wir letztes Jahr noch als Jaguar kannten komplett an das Red Bull Team verkauft. Wer Dr. Helmut Marko kennt, weiss, dass er ähnlich wie Peter Sauber durchaus in der Lage ist, sich im Mittelfeld festzubeißen. Erst Recht, wenn er für 2006 tatsächlich mit BMW Motoren planen kann. Marc Webber im letzten Jahr und die letzten Testfahrten haben bewiesen, dass das Material stimmt und mit David Coulthard und Christian Klien hat man eine gelungene Mischung aus Erfahrung und Jugend, wobei beide nicht zur Spitzengruppe der Formel 1 Piloten gehören, was den reinen Speed anbelangt. Um Punkte zu sammeln und mit Toyota und wohl auch Sauber im Mittelfeld zu streiten, sollte es aber anfangs ausreichen, wobei auch bei Red Bull viel Arbeit in die Vorbereitung der Saison 2006 fliessen wird, weshalb man mit den begrenzten Kapazitäten des Teams zwangsläufig nicht mit grossen Sprüngen innerhalb der Saison rechnen darf.

Fuer Sauber ist es nicht schwer, vorherzusagen, wo man sich einordnen wird; siehe die letzten 3 Jahre. Mit Massa und Villeneuve gibt es eine interessante Fahrerpaarung, wobei der ehemalige Weltmeister es schwer haben wird, zumal von ihm erwartet wird, dass er Massa im Griff hat. Ist das nicht der Fall, könnte sich der typische villeneuvsche Phlagmatismus breit machen, der schon einmal zu seinem Karriereende gefuehrt hat. Ob man hinsichtlich des Motors wirklich von Ferrari zu BMW wechseln will, bleibt abzuwarten. Vielleicht buhlt Peter Sauber auch nur auf seine Weise um einen vernünftigeren Preis für die italienischen Aggregate.

Damit sind wir schon bei McLaren Mercedes angelangt, die tatsächlich nicht über Rang 5 in der Konstrukteurswertung 2004 hinauskamen und im Tippspiel interessant werden, da sie mit dem Faktor 2 belegt sind. Respekt aber für den enormen Kraftakt, aus der Position zu Saisonbeginn, als man McLaren zum Teil auf den Plätzen 9 und 10 der Startaufstellung wiederfand, das Auto so gut weiterentwickelt zu haben, dass letztlich doch noch ein Saisonsieg fuer Raikkonen und der feine zweite Platz beim Saisonabschluss heraussprang. Nach den Ergebnissen der Testfahrten scheint man auch für 2005 gut gerüstet zu sein. Zu einem guten Motor und scheinbar auch wieder einem mechanisch und aerodynamisch ausgewogenen Auto kommt dannnoch die vermutlich stärkste Fahrerpaarung, die die Formel 1 seit den gemeinsamen Zeiten von Senna und Prost bei McLaren Anfang der 90er Jahre gesehen hat. Ob sich Montoya gegen Raikkonen durchsetzen kann, ist nicht nur ein teamintern faszinierendes Duell, hier könnte sich sogar schon die Weltmeisterschaft entscheiden. Ist McLaren wirklich das beste Auto im Feld, wonach es bei den Testfahrten aussah, wird Raikkonen wohl mit seiner coolen und souveränen Fahrweise den Titel holen. Kommt es zu engen Duellen mit Michael Schumacher und Fernando Alonso, ist eher Montoya der WM Kandidat, da er im Kampf Mann gegen Mann der vermutlich bessere ist. Was dem Team schon 2004 zu Gute kam, ist das nach wie vor gut entwickelnde Testteam mit Alex Wurz und Pedro de la Rosa, die für kontinuierliche Fortschritte sorgen.

Eine aehnlich enttaeschende Saison 2004 wie McLaren hatte auch Williams, trotz des Abschiedsgeschenks von Montoya an sein Team durch den Sieg in Brasilien, wo der Kolumbianer allerdings bereits als künftiger McLaren Pilot gefeiert wurde. Der Ausblick für das Team sieht aber düsterer aus. Das liegt zum Einen an den ernüchternden Testfahrten, bei denen vor Allem der technisch versierte Nick Heidfeld einige Schwierigkeiten mit dem Fahrzeug enthüllte. Zum Anderen liegt es aber an der Fahrerpaarung 2005. Williams ist das einzige Topteam, das keinen Toppiloten zu bieten hat. Bei allem Respekt vor Marc Webber und Nick Heidfeld muss man doch realistisch sagen, dass beide zwar gute Fahrer sind, doch einfach nicht in der selben Liga fahren wie Montoya, Schumacher, Raikkonen, Alonso oder Button. Und das ist ein Fehler, der allein Frank Williams zuzuschreiben ist. Montoyas Abgang war seit einem Jahr klar. Dann war er zu geizig, den mitunter tatsächlich etwas überbezahlten Ralf Schumacher zu halten, der nun im Toyota versuchen wird, den Weiss-Blauen das Leben schwer zu machen. Und als der dilettantisch durchgeführte Button-Wechsel dann auch noch platzte, verpasste Williams die letzte Chance, durch eine hohe Überweisung an BAR doch noch einen Toppiloten zu verpflichten. Da inzwischen auch die Notlösung Villeneuve nicht mehr möglich war, mussten sich Heidfeld und Antonio Pizzonia duellieren, wer nun der zweite Nr. 2 Fahrer bei Williams wird. Nach langem Hin und Her kam man zumindest noch zur Lösung Heidfeld, was die eigentlich von vornherein klar gewesen sein sollte, wenn man nur die Ergebnisse Pizzonias als Ralf Schumacher Ersatz im letzten Jahr betrachtet. Beiden Fahrern wird nun eine Chance eröffnet, die sie sich zwar verdient haben, sich realistisch aber nichtmal haben träumen lassen dürfen. Ähnlich wie 1994 nach Sennas Tod haben nun 2 Nummer 2 Fahrer die Chance, sich in die erste Liga zu fahren. Meine Einschätzung ist aber die, dass keiner von Beiden das schafft, was Damon Hill damals gelang und das Williams auch 2005 nicht über Rang 4 in der Konstrukteurswertung hinauskommt.

Womit wir bei Renault angelangt sind. Das Team hat sich in den letzten Jahren stetig Stück um Stück verbessert und das könnte sich fortsetzen. Ob Fernando Alonso tatsächlich um den WM Titel fahren kann, bleibt abzuwarten, doch Siege sollten in Monaco, Ungarn, San Marino und der Türkei möglich sein. Der Entlassung von Trulli, mit der sich Renault zu jener Zeit ein klassisches Eigentor geschossen hat, folgte die Verpflichtung von Giancarlo Fisichella, der auch zu den ganz Grossen der zweiten Liga zählt und sich diese Chance eher verdient hat, als ein Heidfeld oder Webber. Fisichella könnte die Überraschung der Saison werden, denn der Römer kann völlig befreit auftreten, da der gesamte Druck von den Medien und auch von Briatore selbst auf die Schultern seines 23-jaehrigen Teamkollegen Alonso gelegt wurde.

BAR hatte eine überragende wie überraschende Saison 2004. Ein Sieg für Button wäre hochverdient gewesen, doch hat dies wohl nicht sein sollen. Das 2005 nachzuholen wird schwer. Ich erwarte das Team trotz Button sogar hinter Williams, obwohl das eine oder andere Spitzenresultat durchaus drin sein könnte, während Sato zumindest regelmässig punkten dürfte. Testfahrer Anthony Davidson hätte sich seine ersten GP Einsätze verdient, auf die er jedoch vermutlich vergeblich wartet. Es sei denn, Frank Williams erkennt seinen Fehler und kauft einen frustrierten weil sieghungrigen aber nicht mit dem notwendigen Fahrzeug kämpfenden Button noch während der Saison 2005 aus dem BAR Vertrag frei.

Dass Ferrari 2005 um Siege kämpfen wird, steht zweifelsfrei fest. Barrichello wird wieder nur dann seine Chance erhalten, wenn Schumacher früh als Weltmeister feststehen sollte, was nach bisherigen Erkenntnissen unwahrscheinlich erscheint. Sollte Schumacher, was während der zweiten Saisonhälfte 2004 schon einmal so aussah, allerdings langsam seine Motivation verlieren, könnte 2005 Barrichello bei Ferrari eine Chance bekommen, bevor 2006 mit Valentino Rossi eine neue klare Nummer 1 für das Team und für die Tifosi kommt. Nicht auszuschliessen ist, dass Rossi, nachdem er seinen nächsten Motorrad-WM-Titel sicher hat, bereits zu ersten Renneinsaetzen ins rote Cockpit abtaucht, wenn auch nicht mit seiner bereits legendären Startnummer 46. Zum Nachteil fuer Ferrari könnte die Reifenfrage werden. Da nun auch Sauber auf französische Gummimischungen setzt, kämpft Ferrari mit Bridgestone nun faktisch allein gegen Michelin, die sich die sich auf die Entwicklungsarbeit von McLaren, Williams, Renault und Honda - äh BAR - verlassen können.


Ohne mich auf Montoya als Weltmeister festlegen zu wollen, wird die Situation in der Konstrukteursweltmeisterschaft also so aussehen, dass Ferrari, McLaren und Renault sich einen engen Dreikampf liefern, wobei McLaren aufgrund der besseren Fahrerpaarung die Nase vorn haben wird.

Mit gehörigem Abstand dahinter folgen Williams vor BAR und noch ein Stück zurück das Dreigestirn Sauber, Toyota und Red Bull, wobei sich die Japaner möglichst deutlich durchsetzen müssen.

Minardi hat die theoretische Chance, sich zumindest gegen Jordan durchzusetzen, die sich im Umbauprozess zum Midland F1 Team befinden. Realistischer Weise muss man jedoch davon ausgehen, dass die Italiener ihre geliebte Rote Laterne auch 2005 nach Hause tragen werden. Wenn sie denn die Startberechtigung bekommen, was bei Redaktionsschluss für diesen Artikel noch äußerst fragwürdig war.

Euer Alex!

 

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